Durch diese Tür gingen die Missionare in die Welt

Von Steffen Gerhardt

Vor 150 Jahren begann die Nieskyer Brüderunität mit der Ausbildung. In Afrika ist sie noch heute gut bekannt.

Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium“ steht über der Pforte an der ehemaligen Missionsschule (Rote Schule) in Niesky. Die Nieskyerin Gudrun Schiewe erzählt einer Delegation der Brüdergemeine in Tansania die Geschichte dieses Hauses und seine © Archivfoto: André Schulze

Über die Missionare der Nieskyer Brüderunität erzählt Pfarrersfrau Gudrun Schiewe einer Delegation der Morivian Church in Tansania. Die Frauen und Männer besuchten Ende Juni vergangenen Jahres die Stadt Niesky. Ihre Kirche im Distrikt Mbozi gehört zur weltweiten Glaubensgemeinschaft der Herrnhuter Brüdergemeine. Dabei zeigte Frau Schiewe auf die Pforte des Schulhauses, von der aus die Missionare auch auf den afrikanischen Kontinent geschickt wurden, wie beispielsweise nach Mbozi. „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium“ ist heute wieder über der Doppeltür zu lesen.

Die Rote Schule an der Ödernitzer Straße zählt zu den imposanten Gebäuden in der Stadt Niesky. Heute tummeln sich nicht nur die Nieskyer Hortkinder auf drei Etagen, im Dachgeschoss haben sich Fledermäuse eingenistet. Für die Großen Mausohren dürfte das die größte Wochenstube in Sachsen sein, die von Hunderten Fledermäusen bewohnt wird.

Abgesehen von der „Invasion“ der Fledermäuse war und ist der Backsteinbau schon immer ein Haus der Bildung. 1885 wurde das Gebäude als Missionsschule gebaut, Vor allem aus der Not heraus, da das Brüderhaus zu klein geworden war, um die steigende Zahl an Missionaren ausbilden zu können. Begonnen hatte das Institut seine Arbeit bereits am 1. Februar 1869, also heute vor 150 Jahren. Damals saßen sieben Schüler in dem kleinen Klassenraum neben dem Chorsaal.

Das Nieskyer Institut bot nicht nur Schulbänke, sondern auch Wohnraum für die Schüler (Foto). Hinzu kamen Werkstätten, und sogar ein Tageslicht-Fotoatelier war eingerichtet. © Archiv Museum

In den archivierten Aufzeichnungen aus damaliger Zeit ist zu lesen, dass fünf Brüder der Brüderunität sechs Stunden am Tag die künftigen Missionare unterrichteten. Neben dem Bibelstudium standen die Kirchen- und Weltgeschichte, englische Sprache, deutsche Grammatik und einige Elementarfächer auf dem Lehrplan. In den ersten Jahren schien alles noch improvisiert. Die Bücher waren Leihgaben und für das gemeinsame Lernen fehlte die Zeit, da die Schüler auch noch in andere Dienste eingebunden waren.

Erst als August Karl Ludwig von Dewitz die Führung der Missionsschule übernommen hatte, reifte sie zu einem angesehenen Institut mit Lehrerseminar. Von Dewitz (1836-1887) ist zwar in Stargard (Pommern) geboren, hatte seine Schulbildung aber in Niesky. Zunächst in der Knabenanstalt, danach am Pädagogium. Schließlich ließ er sich in Gnadenfeld (Oberschlesien) zum Theologen ausbilden und kehrte als 21-Jähriger als Lehrer zunächst an die Knabenanstalt zurück. Nach einem weiteren Studium wurde von Dewitz 1862 Inspektor am Nieskyer Pädagogium. Seine „vorzüglichen Gaben als Lehrer und Erzieher“ blieben auch der Synode der Brüderunität nicht verborgen und sie beauftragte ihn, nicht nur junge Missionare zu schulen, sondern auch die Ausbildung der Lehrer zu übernehmen. Damit nahm das Institut vor 150 Jahren seine Arbeit auf.

Unter von Dewitz seiner Leitung bekamen die Missionare eine sehr gute und fundierte Ausbildung. Er förderte den Gemeinschaftssinn indem die Schüler in der Roten Schule nicht nur ausgebildet wurden, sondern dort auch gemeinsam wohnten. Die aufkommende Fotografie war ein eigenes Unterrichtsfach und legte den Grundstock, dass in den weltweiten Archiven der Brüdergemeine heute unwiederbringliche Bilddokumente liegen, die aus den Zeiten der Missionierung stammen.

Für damalige Verhältnisse war die 1885 gebaute Missionsschule ein Prachtbau für Niesky. Die Ausbildung der Missionare stand diesem Anspruch in nichts nach. © Archiv Museum