Lack und Liebesmahl

Von Alexander Kempf

Anlässlich des 275. Stadtgeburtstages öffnet die Nieskyer Brüdergemeine nicht nur die Kirchentüren.

Einen Geburtstagskuchen für Niesky wird Christian Weiske mit dieser Maschine nicht anrühren. Stattdessen führt der Geschäftsführer von Höpner Lacke am 12. August Neugierige durch das Unternehmen. Genau wie Niesky feiert die Manufaktur einen runden Geburtstag.
© André Schulze

Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann hat noch gute Erinnerungen an ihren letzten Besuch bei der Firma Höpner Lacke. „Man staunt, wie alt die Maschinen dort sind. Man denkt, die stammen teils noch aus der Gründungszeit“, sagt sie. Das 1787 gegründete Unternehmen zählt tatsächlich zu den ältesten Lackfabriken des Landes. Es ist mit seiner 230-jährigen Firmengeschichte nur unwesentlich jünger als Niesky selbst. Doch anders als die Stadt ist der Betrieb nicht direkt von der Brüdergemeine gegründet worden. Sie hat ihn vom Unternehmer Peter Birk aber schon Anfang des 19. Jahrhunderts geerbt.

Wie das Tochterunternehmen der Kirche zwei Weltkriege und den Sozialismus überstanden hat, erfahren Neugierige am 12. August. Dann öffnet die Nieskyer Brüdergemeine nämlich nicht nur die Kirchentüren, um mit allen Nieskyern und Gästen den 275. Geburtstag der Stadt zu feiern. Die Lackfabrik ist neben dem Gottesacker eine von mehreren Stationen eines Stadtspaziergangs, erklärt Organisatorin Gabriele von Dressler. Sie hofft nicht nur bei der Führung auf viele Gäste.

Die Nieskyer haben am Nachmittag unter anderem die Chance, auf dem Zinzendorfplatz an einem Brüderischen Liebesmahl teilzunehmen. Dann geben Schwestern der Gemeinde in historischen Trachten Rosinenbrötchen von der Bäckerei Melchior aus. Die Brüder servieren Tee. Das Liebesmahl hat in Niesky eine lange Tradition, findet aber heute oft nur noch bei Begräbnissen statt. Es steht sinnbildlich für das Süße der Gemeinschaft, erklärt Pfarrersfrau Gabriele von Dressler.

Die Schwestern der Brüdergemeine mit ihren Hauben, Schürzen und Bändern werden am Sonnabend des Festwochenendes aber nicht die Einzigen in historischen Gewändern sein. Denn während der Festveranstaltung wird auch ein Theaterstück über die Entstehung von Niesky uraufgeführt. Die Tochter des Superintendenten Thomas Koppehl hat es eigens für den 275. Geburtstag der Stadt geschrieben. Und die Premiere ist nicht der einzige kulturelle Höhepunkt an diesem Tag. Denn am Abend gibt das deutsch-polnische Orchester Mixtura der Kreismusikschule Dreiländereck ein Konzert.

Damit sich der Zinzendorfplatz am Festtag nicht leert, gibt es zwischen der Kultur auch reichlich Kulinarisches. Die Nieskyer Feuerwehr baut einen Grill auf und Nieskys Wohnzimmer soll sich dank Bänken und Tischen in einen gemütlichen Biergarten verwandeln. Auch Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann freut sich auf den Termin. „Wir sind sehr froh, dass sich die Brüdergemeine so engagiert. Es ist nicht nur eine Kirchenveranstaltung, sondern eine schöne und offene Aktion für alle“, sagt sie.

Neben dem Theaterstück feiert am Festsonnabend auch der von der Firma Sachsenhits produzierte Film über die Stadtgeschichte Premiere. Er wird vor Ort gezeigt und soll dann auch als DVD verkauft werden. Interessierte greifen besser schnell zu, denn die Stadt hat nur 500 Stück davon anfertigen lassen, verrät Beate Hoffmann. Auf der DVD wird es neben besagtem Film auch Luftaufnahmen der Stadt und einen Beitrag über den Nieskyer Waggonbau geben. Es ist ebenfalls ein Traditionsunternehmen mit wechselhafter Geschichte und feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Schienenfahrzeugbaus in Niesky.

Langeweile dürfte in Niesky am Festwochenendes nicht aufkommen. Zumal nicht nur die Brüdergemeine zum Stadtspaziergang einlädt. Denn Hubert Teuchner führt im Rahmen der Nieskyer Spaziergänge um 13 Uhr vom Johann-Raschke-Haus aus nach Neuödernitz. Die Oberbürgermeisterin ist mit der Resonanz bei den Stadtführungen im Jubiläumsjahr sehr zufrieden. Überhaupt seien alle Festveranstaltungen bisher gut angenommen worden. Ganz bewusst habe man sich dafür entschieden, die Feierlichkeiten über das ganze Jahr zu verteilen. „Es soll den Nieskyer auch bewusst gemacht werden“, so Beate Hoffmann, „was hier alles passiert.“