Willkommen und Abschied in Niesky

Von Alexander Kempf

Pfarrersfrau Gabriele von Dressler organisiert das Jubiläum der Brüdergemeine. Danach verlassen sie und ihr Mann Niesky.

In Zukunft wird der pensionierte Pfarrer Axel von Dressler seiner Frau wohl noch öfter den Vortritt lassen. Das Ehepaar möchte Niesky nach den Feierlichkeiten im Sommer verlassen. Wohin es Gabriele von Dressler verschlägt, ist noch offen.
© andré schulze

Die kommenden Monate werden für Gabriele von Dressler wie im Fluge vergehen. Viel Zeit für Wehmut wird der 46-Jährigen nicht bleiben. Denn bei ihr laufen die Fäden für die Feierlichkeiten der Brüdergemeine in deren Jubiläumsjahr zusammen. Normalerweise würde sie ihren Mann Axel von Dressler bei der Aufgabe unterstützen, doch nach der Pensionierung des Pfarrers ist seine Frau noch stärker eingebunden als ohnehin schon. Sie kümmert sich noch bis zum Sommer in Vollzeit um alle Aufgaben. Es ist gewissermaßen ein Abschiedsgeschenk. Denn nach dem Festwochenende Mitte August soll schon der Umzugswagen vor der Pfarrerswohnung vorfahren.

Ein vorzeitiger Abschied aus Niesky sei für Gabriele von Dressler und ihren Mann nicht infrage gekommen. "Ich habe mir das gewünscht. Es sollte keine Vakanz entstehen", sagt sie. Die Organisation des Festwochenendes ist ihr eine Herzensangelegenheit. Dann sind unter anderem Vertreter aus den Partnergemeinden aus Neuwied am Rhein und dem tschechischen Tannenwald eingeladen. Am Nachmittag des zwölften Augusts wird nicht nur für sie ein sogenanntes Brüderisches Liebesmahl stattfinden. Dabei werden seit der Zeit Zinzendorfs Rosinenbrötchen und leicht gesüßter Schwarztee serviert. Die gibt es gewöhnlich nur bei Begräbnissen der Nieskyer Brüdergemeine, erklärt Gabriele von Dressler.

Mit dem Festwochenende erinnern die Brüdergemeine und die Stadt an die Gründung Nieskys am 8. August vor 275 Jahren. Die verhältnismäßig kurze und doch sehr spannende Geschichte des Ortes steht auch im Mittelpunkt eines eigens für das Jubiläum geschriebenen Theaterstücks. Es soll nach den Grußworten am zwölften August aufgeführt werden. Anschließend lädt die Brüdergemeine gemeinsam mit der Nieskyer Feuerwehr alle Stadtbewohner zu einem Grillabend vor der Kirche am Zinzendorfplatz ein. Dafür soll die Straße davor gesperrt und Bierbänke aufgestellt werden. "Dazu sind alle herzlich eingeladen", sagt Gabriele von Dressler. Am Abend musiziert schließlich das deutsch-polnische Orchester Mixtura der Kreismusikschule Dreiländereck am Zinzendorfplatz.

Der anschließende Sonntag beginnt mit einem ökumenischen Festgottesdienst. Dafür hat Gabriele von Dressler aus Herrnhut Benigna Carstens gewinnen können. Nach dem Ausscheiden ihres Mannes organisiert sie regelmäßig Prediger für die Gottesdienste in Niesky. Auch damit sich das ändert, soll so schnell wie möglich ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Axel von Dressler gefunden werden. "Natürlich sind wir traurig über den Abschied", sagt Gabriele von Dressler, "aber wir wissen, dass es wichtig und richtig für die Gemeinde ist." Bis zur Pensionierung ihres Mann hat Gabriele von Dressler teils dessen geschriebene Reden vorgetragen. Ein Herzinfarkt hat Axel von Dressler unfreiwillig ausgebremst.

Gabriele von Dressler hat selbst nicht Theologie studiert. Wohin sie ihr Weg nach den Feierlichkeiten im August führen wird, das steht noch nicht fest. Niesky aber wird das Paar den Rücken kehren. Nicht weil sie sich hier nicht wohlgefühlt hätten. Doch es sei ein ungeschriebenes Gesetz, erklärt Axel von Dressler, dass der ehemalige Pfarrer nicht vor Ort bleibt, damit sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin leichter den eigenen Weg gehen kann. Erst 2013 haben er und seine Frau die Pfarrerswohnung am Zinzendorfplatz bezogen. Eigentlich hätte es die letzte Station des Pfarrers werden sollen. Doch durch die Krankheit und seine vorzeitige Pensionierung kommt nun vieles anders als gedacht. Jetzt wird nicht seine Frau ihm an einen anderen Ort folgen, sondern er ihr.

Doch beide, das betont Gabriele Dressler, haben schon in der Vergangenheit Entscheidungen gemeinsam getroffen. Sie absolviert derzeit parallel zur Stelle in Niesky noch eine Ausbildung zur Seelsorgerin. "Ich bin sehr eingebunden", sagt sie selbst. Ihr Mann gesteht, dass er sich zuweilen Sorgen um sie mache. Doch kürzertreten fällt beiden nicht leicht. Axel von Dressler lernt es gerade notgedrungen. Bis Anfang April fahren beide erst einmal gemeinsam in den Urlaub.